Seltsame Agenden: Führungskräfte müssen lesen können

Freuen Sie sich, dass Sie erfolgreich auf einer Managementposition tätig sind, wissen aber gar nicht so recht, wie Sie eigentlich dorthin gekommen sind? Oder haben Sie etwa den Chefsessel schon länger fest im Visier und als oberste Priorität in Ihrer persönlichen Karriereplanung, finden aber, Sie brauchen irgendwie noch den letzten Schliff? Hervorragend – für eine Antwort ist das Internet selbstverständlich auch hier die allererste Quelle. Seltsame Agenden, die zusammenfassen, was Online-Autoren über Führungskräfte und ihre Karrierewege denken, finden sich dort in ausgesprochen großer Zahl. Wir garantieren, wenn Sie sich nach den diversen Ratschlägen dazu richten, steht der nächsten Karrierestufe mit Sicherheit nichts mehr im Wege. Oder etwa doch nicht? Lassen Sie uns doch einmal sehen.

Ein besonders schönes Fundstück bietet in dieser Hinsicht die Business-Seite „karriere-abc“. Ihr Ratschlagskatalog beginnt mit der Erkenntnis, dass Manager trotz unterschiedlicher Charaktere schließlich durch Erfolg verbunden sind. Und dieser gründet – natürlich nicht einfach so, sondern durch ‚wirtschaftspsychologische Studien‘ belegt – auf zehn recht simplen Eigenschaften.

Erfolgreiche Führungskräfte glänzen demnach durch:

1. Rhetorische Fähigkeiten
Schließlich kommt es auf Ihre Wirkung an. Ohne Ausstrahlung und Rhetorik können Sie Ihre Karriere eigentlich gleich vergessen – vor allem dann, wenn Sie über den inhaltlichen Aspekten Ihrer Rede vergessen, auf Ihre eigene Stimme zu achten. „Durchsetzungsfähig und angenehm“ muss diese sein – und ist dann das ‚Erfolgsgeheimnis‘ vieler Führungskräfte.

2. Kritisches und analytisches Denken
Kommt Ihnen als Führungskraft vor allem dann zugute, wenn Ihre Managementposition sich irgendwo im wirtschaftlichen Bereich befindet. Allein müssen Sie sich schon deshalb in Ihrem Job nicht fühlen – oder fühlen Sie sich vielleicht doch etwas vom Wettbewerb bedrängt: Ihre Kollegen auf vergleichbaren Positionen sind jedenfalls auch deswegen erfolgreich, weil sie ihre Fertigkeiten (!) zu kritischem und analytischem Denken ausgebildet haben.

3. Prägnantes Argumentieren und Handeln
Im Klartext: Schwätzer werden in der Chefetage nicht geschätzt – und wenn Sie handeln, sollten Sie auch Informationen filtern respektive Prioritäten setzen können. Die hohe Kunst der Prägnanz haben Sie erreicht, wenn Sie diese in Gesprächen ebenso wie in Berichten praktizieren können. Die Mühe dafür ist recht lohnenswert – Sie können sich (fast) sicher sein, dass Mitarbeiter und Verhandlungspartner diese Eigenschaft zu schätzen wissen.

4. Hohe Lesekompetenz
Lesen werden Sie ja schließlich können – oder etwa nicht? Jedenfalls ist diese Eigenschaft für Führungskräfte von immensem Vorteil, damit sie die Berichte von Mitarbeitern und Kollegen mit ‚wenigen Blicken‘ erfassen können. Noch besser ist es, wenn Sie aktuelle Fachbücher und -Artikel auch verstehen können und Ihren Horizont damit erweitern. Die Königsdisziplin in dieser Hinsicht beherrschen Sie, wenn Sie auch etwas zwischen den Zeilen lesen können – Ihr Chef wird möglicherweise gerade diese Fähigkeit besonders schätzen. (Wir sorgen an dieser Stelle allerdings auch einmal für ein sehr schlüssiges Gegenargument: Albert Einstein, Agatha Christie und einige US-amerikanische Präsidenten, darunter auch John Fitzgerald „Jack“ Kennedy, sollen Legastheniker gewesen sein.)

5. Zuhören können
Sie verstehen sich als Macher und orientieren sich an solchen? Dann sollten Sie dringend auch zwei weitere Fähigkeiten etwas mehr trainieren. Gutes Zuhören schärft Ihr Verständnis für Mitarbeiter, Kunden, Partner und natürlich Ihren Chef. Eine gute Auffassungsgabe verhilft Ihnen darüber hinaus zu weiterer Brillanz – wenn Sie nämlich in der Lage sind, aufgrund des Gehörten auch schlagkräftig zu argumentieren und prägnant zu handeln.

6. Motivation
Ohne Motivation geht es nicht – sehr wahrscheinlich erzählen Sie das auch tagtäglich Ihren Mitarbeitern. Ebenso wichtig ist Selbstmotivation, damit Sie produktiv, ein Vorbild oder überhaupt erst einmal in Bewegung bleiben. Gut ist, wenn Sie sich dabei auch über Ihre Motive klar sind – Motivation ist keinesfalls nur Motivation. Also, Hand aufs Herz: Geht es Ihnen um Macht, Anschluss, soziale Kontakte oder vielleicht doch um Leistung?

7. Kreatives Denken
Nein, die ‚Kreativen‘ sitzen nicht nur in Marketingabteilungen und Werbeagenturen. Sie – genau Sie – sind gemeint, wenn es um kreatives Denken geht. Also überzeugen Sie gefälligst Ihre Chefs und Mitarbeiter durch Ihre Kreativität und bringen Sie in Ihrem Unternehmen Innovationen auf den Weg.

8. Vernetzung
Netzwerken müssen wir heute alle – Nachholbedarf haben Sie allerdings sehr wahrscheinlich, falls Sie zufällig eine Frau sind. Falsch machen Sie auf alle Fälle nichts, wenn Sie sich mit ihren männlichen Kollegen auf ein ‚Afterwork-Bier‘ zusammensetzen – Ihre Familie und Ihr Partner werden dies doch auf alle Fälle unterstützen oder mindestens verschmerzen. (Jetzt bitte keinen Shitstorm – die Idee mit den Managerinnen und dem Bier stammt nachweislich nicht von uns – Sie erinnern sich, es geht um Ihr professionelles Netzwerk.)

9. Delegieren
Es soll Führungskräfte geben, die darauf beharren, alle Aufgaben entweder gleich selbst zu erledigen oder ihre Ausführung minutiös zu kontrollieren. Sie selbst gehören hoffentlich nicht dazu, sondern beherrschen nicht nur die Kunst des Delegierens, sondern sind auch fähig, bestimmte Arbeitsbereiche zu analysieren und bei der Verteilung von Aufgaben und Projekten mit Menschenkenntnis vorzugehen.

10. Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit
Last but not least sollten Sie an der Entwicklung Ihrer Fähigkeiten arbeiten und auf neue Tasks und Situationen flexibel reagieren – Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit sind schließlich zwei weitere wesentliche Eigenschaften erfolgreicher Führungskräfte.

Wir haben in unserer Übersicht die „Anforderungen an Führungskräfte“ natürlich bewusst etwas überzogen – trotzdem stehen die zehn Punkte aus Sicht ihrer Autoren als ernstgemeintes Erfolgsrezept im Raum.

Fällt Ihnen etwas auf? Vom WIE ist dabei – und bei den meisten vergleichbaren Agenden – nicht die Rede, erst recht nicht davon, wie Sie bestimmte Eigenschaften bei sich selbst oder bei Ihren Mitarbeitern fördern und entwickeln können.

Praxistipps:

  • Brauchbar sind solche seltsamen Agenden für Führungskräfte nur in den allerseltensten Fällen.
  • Die Komplexität von Führung – beispielsweise, wie sich Motivation eigentlich herstellt, spielt dabei keine Rolle.
  • Die Rolle von Führungskräften wird statisch – in unserem Bespiel auch noch übersimpel – und nicht über Handlungen, sondern über Imagefaktoren definiert.

Quellen:
http://arbeits-abc.de/manager-ist-nicht-gleich-manager-10-merkmale-erfolgreicher-fuehrungskraefte/
http://nur-anders.org/beruehmte-legast.html